„Der HYDROGEN DIALOGUE bietet uns einen hochkarätigen Rahmen“

Bei der Diskussion „Wasserstoff im Wärmemarkt“ werden Sie beim „HYDROGEN DIALOGUE & NUEdialog“ am 18. November 2020 in Nürnberg auf dem Podium sitzen: Prof. Dr. Gerald Linke, Vorstandsvorsitzender Deutscher Verein des Gas- und Wasserfaches e.V. (DVGW), Josef Hasler, Vorstandsvorsitzender des Energieversorgers N-ERGIE Aktiengesellschaft, und Michael Riechel, Vorstandsvorsitzender der Thüga AG, Deutschlands größtem kooperativen Netzwerk kommunaler Energie- und Wasserdienstleister. Im Interview vorab sprechen sie über die Wasserstoff-Farbenlehre, die Rolle von Wasserstoff bei der Dekarbonisierung der Wärmebereitstellung und die Rolle des „HYDROGEN DIALOGUE“ für den Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft.
THÜGA, DVGW, N-ERGIE. Interview HYDROGEN DIALOGUE & NUEdialog mit Prof. Dr. Gerald Linke, Vorstandsvorsitzender DVGW Josef Hasler, Vorstandsvorsitzender N-ERGIE Michael Riechel, Vorstandsvorsitzender Thüga AG

Wasserstoff gilt als zukünftige tragende Säule der Energiewende. Die Politik differenziert allerdings stark nach seiner Art und Herstellung. Auf einer Skala von grün bis grau sinkt die Akzeptanz. Was halten Sie von dieser Farbenlehre?

Prof. Dr. Gerald Linke: Über diese Farbenlehre würden bestimmte Technologien ausgegrenzt. Das halten wir für falsch. Denn die Farbendiskussion führt uns weg von der Tatsache, dass klimafreundlicher Wasserstoff, egal welcher Provenienz, ein enormes Potenzial hat, die Klimagas-Emissionen in allen Verbrauchssektoren zu reduzieren. Aus unserer Sicht ist es dabei unerheblich, ob er über Elektrolyse, Dampfreformierung mit CCS oder Pyrolyse erzeugt wurde. Denn nicht nur grüner, sondern auch blauer und türkiser Wasserstoff, bei denen das enthaltene CO2 nicht in die Atmosphäre entweicht bzw. als fest gebundener Kohlenstoff weiterverwendet werden kann, sind klimafreundlich.

Prof. Dr. Gerald Linke, Vorstandsvorsitzender Deutsche Verein des Gas- und Wasserfaches e.V. Foto: DVGW/Tatiana Kurda

Prof. Dr. Gerald Linke, Vorstandsvorsitzender Deutsche Verein des Gas- und Wasserfaches e.V.
Foto: DVGW/Tatiana Kurda

Was wäre Ihrer Ansicht nach die richtige Herangehensweise?

Prof. Linke: Im Fokus sollte stehen, dass der Energieträger CO2-arm hergestellt wurde. Als Industrieland benötigt Deutschland große Mengen an Energie in allen Sektoren, also zu industriellen Zwecken, im Wärmemarkt, der Mobilität und Stromerzeugung. Es ist unrealistisch, diesen Bedarf mittelfristig ausschließlich mit erneuerbaren Energien oder nur mit grünem Wasserstoff decken zu wollen. Für eine stabile und wirtschaftliche Versorgung sind weiterhin – neben Importen – Erdgas und daraus erzeugter klimaneutraler Wasserstoff unerlässlich. Die europäische Wasserstoff-Strategie trägt dieser Tatsache Rechnung und befürwortet, dass die existierende Wasserstoff-Produktion verstärkt durch den Einsatz von Dampfreformierung mit Carbon Capture and Storage (blauer Wasserstoff) und mittels weiterer technischer Verfahren dekarbonisiert wird.

In der Nationalen Wasserstoff-Strategie dagegen setzt die Regierung einseitig auf grünen Wasserstoff – ein Fehler?

Prof. Linke: Hier muss in der Tat nachgebessert werden. Auch wenn es ein großes heimisches Potenzial für grünen Wasserstoff gibt, so wäre es fatal, alles auf diese eine Karte zu setzen. So schnell können Sie die Elektrolyse-Kapazitäten, die in Deutschland ja noch sehr überschaubar sind, gar nicht hochfahren. Selbst wenn die Bundesregierung insgesamt 5 Gigawatt bis zum Jahr 2030 aufbauen will, reicht dies nicht, um allen Sektoren in absehbarer Zeit den Wasserstoff, den diese zur Dekarbonisierung etwa im Wärmemarkt oder für hochenergetische industrielle Prozesse benötigen, zur Verfügung zu stellen. Wichtig ist daher, dass wir alle Arten des Energiegases in den Blick nehmen und damit eine echte Technologie-Offenheit und Akzeptanz schaffen. Nur dann wird es gelingen, die CO2-Emissionen wirksam zu reduzieren und zugleich unsere Energieversorgung auf dem Zielkurs von Sicherheit und Bezahlbarkeit zu halten.

Herr Riechel, seitens Thüga betonen Sie die Chancen von Wasserstoff im Wärmemarkt. Die Bundesregierung – und auch die EU-Kommission – sind in dem Punkt aber zurückhaltender. Was halten Sie dem entgegen?

Michael Riechel: Leider fokussiert sich die Politik vor allem auf den Stromsektor und punktuelle Maßnahmen in der Großindustrie. Die aktuellen CO2-Ziele der Bundesregierung für 2030 werden wir so nicht erreichen, ebenso wenig die verschärften CO2-Ziele der EU-Kommission. Eine praktisch vollständige Elektrifizierung von Wärme und Verkehr bis 2050 in Deutschland ist volkswirtschaftlich gesehen zu teuer und technisch kaum umzusetzen.  Klar ist, dass nur mit Gas eine erfolgreiche Energie- und vor allem Klimawende möglich ist. Mit Gas meine ich immer Erdgas und selbstverständlich alle klimaneutralen Gase, die uns helfen, einen Beitrag zur Dekarbonisierung zu leisten.

Josef Hasler, Vorsitzender des Vorstands der N‑ERGIE

Josef Hasler, Vorsitzender des Vorstands der N‑ERGIE. Foto: N-ERGIE

Wie entwickelt sich der Wärmemarkt aktuell, Herr Hasler?

Josef Hasler: Erdgas dominiert bereits heute den Wärmemarkt und baut diese Position weiter aus. So steigt die Nachfrage nach Erdgashausanschlüssen deutlich, und auch in den urbanen Zentren ist Erdgas der wichtigste Energieträger bei der Fernwärmeerzeugung. Zudem führt der anstehende Kohleausstieg oftmals dazu, dass bei der Wärmeerzeugung der Brennstoff Kohle durch Erdgas ersetzt wird.

Welche Rolle kann Wasserstoff bei der Dekarbonisierung der Wärmebereitstellung einnehmen und woher soll er kommen?

Hasler: Es wäre sowohl energie- als auch volkswirtschaftlich sinnvoll, die bereits vorhandene Infrastruktur weiter zu nutzen. Dies gilt auch für die Erdgasinfrastruktur. In der aktuellen Diskussion besteht Konsens, dass natürliches Erdgas bis zu einer Quote von rund 20 Prozent durch Wasserstoff substituiert werden kann. Aus klimaschutzpolitischen Gründen sollte der Wasserstoff CO2-frei, also grün sein.

Der dafür eingesetzte Wasserstoff wird überwiegend außerhalb Europas erzeugt und nach Deutschland importiert werden. Denn in den außereuropäischen Ländern des Südens sind die „Erzeugungskosten“ signifikant niedriger als in Mitteleuropa. Für den Transport des Wasserstoffs kann die bestehende Logistik (Tanker, Pipelines) weiter genutzt werden.

Aber auch in Deutschland wird Wasserstoff produziert werden. Dies wird schätzungsweise 15 bis 20 Prozent des Gesamtbedarfs ausmachen. Dafür muss die Erzeugung von Strom aus erneuerbaren Energien massiv vorangetrieben werden. Auch für „Überschussstrom“ aus erneuerbaren Energien ist die heimische Produktion von Wasserstoff eine sinnvolle Alternative zur Nichtnutzung durch einfaches Abregeln.

Kann man durch diesen Ansatz denn Stromnetzausbau reduzieren?

Hasler: Wenn die heimische Produktion von Wasserstoff räumlich nahe der Stromerzeugung stattfindet, reduziert sich der Bedarf an Netzinfrastruktur für den Stromtransport von Nord nach Süd. Für den Transport von Wasserstoff kann auch die vorhandene Gasnetzinfrastruktur genutzt werden. Der Ausbau einer überdimensionierten, volkswirtschaftlich nicht vertretbaren Stromnetz-Infrastruktur würde so verhindert und Haushaltskunden wie gewerblicher Mittelstand entlastet. Es geht bei diesem Thema also auch um Sozial- und Standortpolitik.

Michael Riechel, Vorsitzender des Vorstands der Thüga Aktiengesellschaft. Foto: Thüga Aktiengesellschaft

Michael Riechel, Vorsitzender des Vorstands der Thüga Aktiengesellschaft.
Foto: Thüga Aktiengesellschaft

Man hat den Eindruck, überall in der Republik entstehen Initiativen, Studien, Test- und Pilotanlagen für Erzeugung, Verteilung und Verbrauch von Wasserstoff. Wie bringt sich die Thüga konkret in diesem Bereich ein?

Riechel: Den schönen Worten vom „Wasserstoff als Schlüsselelement der Energiewende” müssen jetzt Taten folgen. Die Thüga-Gruppe engagiert sich hier aktiv, immer mit Fokus auf die Transformation der Gasverteilnetze. Ein Leuchtturm ist das Projekt Westküste100, ein Reallabor der Energiewende des BMWi. Auf technischer Ebene testen wir im Rahmen einer Studie mit dem DBI die Wasserstofffestigkeit der Netzbetriebsmittel und die technische Machbarkeit bei den Endkundengeräten. Schon im letzten Jahr haben 63 Unternehmen aus der Thüga-Gruppe mit dem „Fünf-Punkte-Plan für erneuerbares Gas“ sehr konkrete Vorschläge gemacht. Zudem sind wir eine Stimme der Verteilnetzbetreiber in der „European Clean Hydrogen Alliance”.

Warum ist Thüga Partner des „HYDROGEN DIALOGUE“?

Riechel: Ein drängendes Zukunftsthema ist für uns die Rolle von Wasserstoff für die Dekarbonisierung des Wärmemarkts. Die Weichen werden jetzt gestellt. Zuschauen allein reicht nicht, wir arbeiten aktiv am Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft mit. Der „HYDROGEN DIALOGUE“ bietet uns einen hochkarätigen Rahmen, die Thüga sichtbar zu positionieren und bei den Marktteilnehmern zu verankern.

Vielen Dank für das Interview

HYDROGEN DIALOGUE 2020 & NUEdialog 2020

Speaker & Programm & Formate