„Den Verteilnetzbetreibern kommt eine zentrale Rolle beim Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft in Europa zu“

Der Deutsche Verein des Gas- und Wasserfaches arbeitet seit über zehn Jahren an der Transformation der bestehenden Erdgasinfrastrukturen hin zum Wasserstoff. Im Interview spricht Frank Gröschl, Leiter Technologie und Innovationsmanagement über die Initiative H2vorOrt, den geplanten Ordnungsrahmen der EU und den HYDROGEN DIALOGUE als idealen Ort für den nationalen und internationalen Austausch der Wasserstoffgemeinschaft.
Frank Göschl, Leiter Technologie und Innovationsmanagement beim DVGW; Copyright: DVGW

Herr Gröschl, die europäische Verteilnetzinitiative Ready4H2 hat einen Fahrplan für den Übergang zu einer Wasserstoffwirtschaft in Europa präsentiert. Für wie ambitioniert halten Sie diesen?

Der Fahrplan der Initiative Ready4H2 ist sehr ambitioniert, da sich die beteiligten Gasverteilnetzbetreiber aus ganz Europa klar bekannt haben, ihre Netzinfrastruktur ab sofort und bis spätestens 2045 vollständig für den Betrieb mit klimaneutralen Gasen – insbesondere grünem Wasserstoff – fit zu machen. Als Bindeglied zwischen dem europäischen Wasserstoff-Backbone und den Kunden, die perspektivisch Wassersoff beziehen möchten, kommt den Verteilnetzbetreibern eine zentrale Rolle beim Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft in Europa zu.

Und welche Rolle soll dabei die DVGW-Plattform H2vorOrt spielen?

H2vorOrt ist das deutsche Pendant zu Ready4H2. Die Initiative wurde bereits 2020 ins Leben gerufen und umfasst mittlerweile fast 50 Gasverteilnetzbetreiber, die zusammen etwa 60 Prozent der Gasverteilnetzlängen in Deutschland abbilden. Zusammen mit den Verbändepartnern DVGW und VKU setzt sich die Initiative für eine flächendeckende Transformation der deutschen Gasverteilnetze hin zur Klimaneutralität ein. Kernstück der Initiative ist die Erstellung eines „Gasnetzgebietstransformationsplans“ – kurz GTP. Dieser ist das zentrale und standardisierte Planungsinstrument für die Dekarbonisierung der Gasverteilnetze in Deutschland.

Ein erster Leitfaden ist in diesem Jahr bereits veröffentlicht und an alle deutschen Gasverteilnetzbetreiber versendet worden. Auf Basis der einzelnen Rückmeldungen wird wiederum ein bundesweiter Gesamtplan erstellt, der ein kohärentes Zielbild für die klimaneutrale Gasinfrastruktur zeichnen wird. Die Planungsarbeiten im Rahmen des GTP sollen bis 2025 abgeschlossen sein. Damit ist Deutschland Vorreiter in Europa. Die Erfahrungen werden wiederum mit unseren europäischen Partnern geteilt.

Der DVGW hat begrüßt, dass die EU-Kommission einen Ordnungsrahmen für Wasserstoff anstrebt, der dann aber doch einige Mängel offenbart. Wo sind Ihrer Meinung nach die Tücken im Detail?

Die Vorschläge der Kommission gehen leider davon aus, dass die Netzinfrastruktur für Wasserstoff „auf der grünen Wiese“ neu errichtet werden muss. Dies ist aus Sicht der deutschen Gasbranche aber nicht zutreffend. Volkswirtschaftlich sinnvoller und auch zeiteffizienter ist es, wenn sich die Wasserstoffinfrastruktur aus der bestehenden Gasinfrastruktur heraus entwickelt, so wie dies etwa in H2vorOrt geplant wird. Daher haben wir den europäischen Institutionen vorgeschlagen, den Rechtsrahmen dahingehend anzupassen. Konkret bedeutet dies, dass es Vorgaben zur Entflechtung braucht, welche die Entwicklung des Wasserstoffnetzes ermöglichen, statt sie zu verhindern: So etwa die Differenzierung der Netzebenen „Fernleitung“ und „Verteilung“ auch bei Wasserstoff analog zu Gas und Strom, oder auch die Anwendung der Entflechtungsvorschriften für Gasnetzbetreiber auf Wasserstoffnetze.

Beim HYDROGEN DIALOGUE wird auch die Wasserstoffinfrastruktur in Europa thematisiert. Reichen die Rohre nach Einschätzung des DVGW?

Es wird wesentlich darauf ankommen, dass die bestehende Gasinfrastruktur genutzt wird, in Zukunft Wasserstoff zu transportieren und zu speichern. Es wäre unverantwortlich, dieses Asset im Wert einer dreistelligen Milliardensumme nicht in die Planungen einzubeziehen. Wer, wie jüngst von höchster politischer Stelle, sagt, Aufgabe der Stadtwerke sei der Rückbau der Gasnetze, da diese nicht zukunftsfähig seien, gefährdet den Erfolgt einer klimaneutralen Energiewende und setzt die Versorgungssicherheit Deutschlands aufs Spiel. Das Gasnetz in Deutschland ist rund eine halbe Million Kilometer lang. Knapp die Hälfte der rund 40 Millionen Haushalte in Deutschland werden mit Gas beheizt, ca. 600 Großindustriekunden direkt über die Gastransportnetze beliefert.

Der weitaus überwiegende Teil der Gasnutzer mit ca. 1,6 Mio. industriellen und gewerblichen Letztverbrauchern, insbesondere der Mittelstand, ist an die Verteilnetze angeschlossen. Die Gaswirtschaft arbeitet bereits an der Transformation ihrer Infrastruktur hin in das Wasserstoffzeitalter. In Deutschland werden rund 90 Prozent der Hydrogen Backbones aus der bestehenden Erdgasinfrastruktur heraus transformiert, nur etwa 10 Prozent ist Neubau. Das ist eine kostengünstige Lösung, da nicht vieles neu gebaut werden muss, so wie dies beim Stromnetz der Fall ist. Mit dem H2-Backbone in Deutschland und dem European Hydrogen Backbone in der EU liegen bereits konkrete Planungen vor. Über den Gasnetzgebietstransformationsplan in Deutschland erfolgt die Anbindung der Verteilnetzstrukturen für die Verteilung des H2 in die Regionen.

Aktuelle Untersuchungen belegen die H2-readyness der Erdgasleitungen. Noch bestehende Lücken in Einzelfragen werden, insbesondere dank der DVGW-Forschung, geschlossen. Für Gasheizungen sind ab 2025 sogenannte Umrüstkits verfügbar, damit die Anlagen mit 100 Prozent Wasserstoff betrieben werden können. Eine Beimischung von 20 Prozent Wasserstoff ohne jede Umstellung der teilweise Jahrzehnte alten Gastherme ist bereits heute problemlos möglich. Ein Gemeinschaftsprojekt von DVGW und Avacon in Schopsdorf (Sachsen-Anhalt) hat diesen Umstand erfolgreich nachgewiesen.

            
Überregionale Versorgung mit Wasserstoff durch den H2-Backbone (Copyright: DVGW)

Wie sehen Sie die Entwicklung der Veranstaltung und welche Rolle nimmt der DVGW in der Wasserstoffgemeinschaft ein?

Der HYDOGEN DIALOGUE trägt das im Veranstaltungstitel, was wir so dringend benötigen: Den nationalen und internationalen Austausch der Wasserstoffgemeinschaft. Jetzt werden die Weichen gestellt, wie wir uns in Zukunft mit Energie versorgen. Wasserstoff ist dabei unverzichtbar. Deutschland nimmt eine Vorreiterrolle in Forschung und Entwicklung sowie im Ausrollen von Technologie ein. Der DVGW arbeitet – länger als viele andere – seit über zehn Jahren daran, wie sich Wasserstoff sinnvoll und praktikabel nutzen lässt und wie eine Transformation der bestehenden Erdgasinfrastrukturen hin zum Wasserstoff realisiert werden kann. Mit unserem breiten Knowhow leisten wir einen unverzichtbaren Beitrag in der Energiewende. Wir sind gleichermaßen Innovationstreiber und Enabler für Technologien und Standards.

Als die im Energiewirtschaftsgesetzt benannte Institution für Wasserstoffinfrastrukturen hat die Expertise des DVGW eine enorme Bedeutung für politische H2-Entscheidungen und damit für die gesamte Transformation der Branche. Daran wollen wir auch in Nürnberg die relevanten Stakeholder teilhaben lassen. Die derzeitige geopolitische Lage auch und gerade in Fragen der Energieversorgung erfordert einen direkten und schnellen Austausch untereinander. Der HYDOGEN DIALOGUE ist dafür der ideale Ort.

Vielen Dank für das Interview


Veranstaltungstipp

Das gesamte Programm des HYDROGEN DIALOGUE – Summit & Expo 2022 finden Sie wie gewohnt unter hydrogendialogue.com/veranstaltungsprogramm

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